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Sieht man uns an, dass Glaube reich macht?

Rückblick auf die Visitation durch Weihbischof Karl Borsch

Meine lieben Damen und Herren,

ich möchte Ihnen am Ende meiner Visitation, am Ende dieser Schlussreflexion, noch fünf Punkte ans Herz legen, die mir sehr wichtig sind:

 1. In unserer Bildungsgesellschaft ist Bildung gefragt. Man kann nur bestehen, wenn man sich gut aus- und fortbildet: Am Computer und wo auch immer.
Wie ist das mit dem Glauben? Hält er mit der Weitung unseres Horizontes Schritt?
Bei vielen ist der Glaube buchstäblich in den Kinderschuhen stecken geblieben. Sie dürfen sich nicht wundern, wenn er Ihnen immer ferner rückt und eines Tages gänzlich abhanden kommt.
Wenn der Glaube erwachsen werden soll, dann müssen wir Energie darin investieren - nicht weniger als sonst beim Zugewinn von Erkenntnis und know-how.
Es gibt doch Glaubenskurse, Exerzitien im Alltag, Bibel- und Familienkreise u.a. mehr.

 2. Es geht dabei nicht nur um uns selbst. Viele Zeitgenossen - gerade nachdenkliche und geistlich hungrige - suchen den Zugang zum christlichen Glauben. Es gibt ja nicht nur diejenigen, die sich der Kirche entfremden und schließlich ihren Austritt erklären. Nicht wenige fragen nach dem Eingang in den Glauben und in die Kirche.
Wen treffen Sie im Eingangsbereich? Leute, die mit dicken Akten von Sitzung zu Sitzung hasten?
Unsere nichtchristlichen Zeitgenossen erwarten keine großen Resolutionen und frommen Ansprachen. Gefragt ist ein glaubwürdiges, persönliches Wort von Mensch zu Mensch:
Woraus lebe ich? Was lässt mich glauben und hoffen? Warum bin ich Christ, warum bleibe ich es?
Christen, die mitten im Lebensalltag geistliches Profil zeigen - unaufdringlich, aber erkennbar, selbstbewusst, aber demütig - lassen auch heute aufhorchen.
Sieht man uns an, dass Glaube das Leben nicht verdirbt und verkümmern lässt, sondern freisetzt und reich macht?
Sind wir des Glaubens so froh, dass es uns drängt, ihn weiter zu sagen?

 3. In unserer Gesellschaft ist Religion Privatsache geworden: „Die einen brauchen’s halt, die anderen brauchen’s nicht mehr. Soll doch jeder sehen, wie er es damit hält.“
In diese Ecke dürfen wir uns nicht abschieben lassen, sonst wird aus der Kirche sehr schnell ein Verein. In den Augen vieler ist sie das schon - ein Verein für fromme Angelegenheiten.
Ein Verein verwaltet, was er hat, er feiert die Vereinsjubiläen und sorgt sich um seine Interessen.
Kirche als Interessenverein - das wäre ihr Tod.
So hat Christus sich das nicht gedacht, als er das Reich Gottes verkündete.
Er sprach vom Sauerteig, der das ganze durchdringt, vom Salz der Erde und vom Licht der Welt.

 4. Bei meinen Gesprächen und Begegnungen in den Gemeinden höre ich immer wieder so oder ähnlich die Bitte: „Fast alle öffentlichen Einrichtungen Rathaus, Schule, Sparkasse, Post, Geschäfte haben sich vom Dorf verabschiedet, jetzt auch die Kirche: Lasst die Kirche im Dorf!“
Sie wissen, dass ich auch vom Dorf komme. Aus eigener Erfahrung kann ich nur unterstreichen: Lasst die Kirche im Dorf!
Aber ich füge mit Nachdruck hinzu: Die erste Verantwortung dafür tragen Sie selbst. 
Gebäude und Räume werden am besten erhalten, indem man sie bewohnt.
Wenn sie die ganze Woche leer dastehen und vielleicht nur noch am Sonntag für den Gottesdienst genutzt werden, dann verkommen sie.
Geschlossene Kirchen sind ein schlechtes Zeichen. Sie zeigen eine geschlossene Gemeinde an. Nicht Kirchen schließen - Kirchen öffnen!
 
 5. Lasst uns Neuland unter den Pflug nehmen!
Umbruchszeiten sind Gnadenszeiten. Sie bedeuten Abschied und Aufbruch. Trauer und Lust zu Neuem.
Gott selbst lockt uns auf Neuland wie Abraham, wie Mose.
Zum Aufbruch ins Neuland gehören Mut Zuversicht und die Hoffnung. Sie lässt sich auch in schwierigen Zeiten nicht unterkriegen. Sie vertraut darauf, dass Gottes Geist in der Kirche wirkt und uns in allen Umbrüchen hält und stärkt. Ja, wir haben Zukunft, wir haben eine Sendung.
Wir haben eine Mission in unserem Land, und die dürfen wir nicht verschlafen.

Weihbischof Karl Borsch

Pfarrgemeinde St. Josef und Fronleichnam - Leipziger Str. 19 - 52068 Aachen