Strassennamen des Ostviertels

Teil 11: Bismarckstraße

Bismarckstraße

Nur ein kleiner Teil dieser langgezogenen und durchaus repräsentativen Straße ist Bestandteil des Pfarrbezirks St. Josef und Fronleichnam. Dieser Teil verläuft von Südwest nach Nordost ab der Kreuzung Goerdelerstraße / Oppenhoffallee bis zum Adalbertsteinweg. Er weist ausschließlich Wohnbebauung auf und macht in diesem Bereich eher den Eindruck einer unbedeutenden und tristen Nebenstraße und steht damit im Gegensatz zum alleenartigen Charakter der Straße im weiteren Verlauf, mit dem Neumarkt und der Frankenburg.

Diese insgesamt bedeutende Straße sollte auch einen ebenso bedeutenden Paten als Namensgeber haben: Keinem Geringeren als Otto von Bismarck, dem nachmaligen 1. Reichskanzler des 2. Deutschen Reiches (1871 - 1918), wurde diese Straße gewidmet. Geboren 1815 in Schönhausen bei Stendal als Sohn eines märkischen Rittergutbesitzers schlug er nach dem Schulbesuch in Berlin und den Studienjahren in Göttingen und Berlin zunächst als Jurist die Staatslaufbahn ein. Doch nach Referendarzeiten in Aachen (Regierungspräsidium) und Potsdam quittierte er den Staatsdienst und bewirtschaftete seine Güter, ohne dabei die politische Entwicklung Preußens außer Acht zu lassen. Der Exekutiven abgeneigt, jedoch der Legislativen zugetan, wurde er 1847 in den vereinigten Landtag des preußischen Abgeordnetenhauses sowie des Erfurter Unionsparlamentes gewählt. Die Revolution von 1848 sah Bismarck auf der konservativen Seite. Dort bekämpfte er die Auswirkungen mit äußerster Schärfe, was ihm die Aufmerksamkeit des preußischen Königs Friedrich-Wilhelms IV. einbrachte. Sein zusätzliches Bekenntnis zur kleindeutschen Lösung im Vereinigungsprozess (Bundesstaat der deutschen Länder ohne Österreich) brachte ihm weitere Punkte ein, so dass er 1851 zum preußischen Bundestagsabgesandten in Frankfurt ernannt wurde. 1859 avancierte Bismarck zum preußischen Botschafter, zuerst in St. Petersburg und später in Paris.

Durch einen fast unlösbar erscheinender Verfassungskonflikt - Ausbau der Landwehr oder der Linientruppen - beförderte ihn der Königsvertreter Wilhelm (der die Regierungsgeschäfte anstelle des erkrankten Königs innehatte) im gleichen Jahr zum preußischen Ministerpräsidenten und Außenminister in der Hoffnung, dass Bismarck die Stärkung der Linientruppen durchsetzen würde. Bismarck setze dies durch, dadurch erlangte er bei Wilhelm (dem späteren König Wilhelm I.) eine Vertrauensstellung. Bismarck schwebte schon zu diesem Zeitpunkt eine "Bereinigung der deutschen Landkarte" mit militärischen Mitteln zugunsten Preußens vor.

Nach erneuter Ablehnung der Vereinigung der deutschen Länder mit Österreich auf dem Frankfurter Fürstentag 1863 folgte sozusagen als militärische Übung für künftige Aggressionen die Niederwerfung des polnischen Aufstandes in den von Preußen im 18. Jahrhundert annektierten Gebieten. Danach griff Preußen gemeinsam mit Österreich, im Einvernehmen mit dem Deutschen Bund, Dänemark an. Dadurch erhielt Preußen Schleswig und später Holstein. Um Österreich endgültig aus den Allianzbestrebungen mit den deutschen Ländern herauszuhalten, folgte 1866 der Feldzug gegen Österreich, den Preußen mit dem Sieg bei Königgrätz erfolgreich abschloss. Zwischenzeitlich (1867) schmiedete Bismarck den Norddeutschen Bund unter Führung Preußens, der den Deutschen Bund ablöste, dem 1870 der Süddeutsche Bund mit Bayern an der Spitze folgte. Diese beiden Bünde waren die Grundlage für den siegreichen Krieg 1870/71 gegen Frankreich. Neben dem Gewinn von Elsass und Ostlothringen als neues "Reichsland" brachte das Ende dieses Krieges vor allem die Einheit der deutschen Länder. Im Januar 1871 gelang es Bismarck, im "Spiegelsaal von Versailles" das Deutsche Reich aus der Taufe zu heben. Als Mitinitiatoren zeichneten die deutschen Fürsten und die preußische Generalität dafür verantwortlich.    Mit Wilhelm I., der nur widerwillig den Titel "Deutscher Kaiser" annahm, konsolidierte Bismarck anschließend das Neue Reich mit einer geschickten Bündnispolitik.

War Bismarck außenpolitisch mit einem untrügbaren Gespür für Machbares ausgestattet, so fehlte ihm dies oftmals im innenpolitischen Bereich. Der Kulturkampf (1871-1887: Ausschaltung des politischen Katholizismus und der Sozialistengesetze von 1878 durch eine Fülle von Regelungen) war nur teilweise von Erfolg gekrönt. Demgegenüber ist eine Sozialgesetzgebung zu erwähnen (1881-1889), die im damaligen Europa als einmalig einzustufen ist: Alters- und Sozialversicherung, Kranken- und Unfallversicherung tragen Bismarcks Handschrift.

Otto von Bismarck galt als uneingeschränkter politischer Willensträger im konservativen Sinne auf der Grundlage protestantischer Glaubensüberzeugung. Er hatte in Wilhelm I. einen gleichgesinnten Partner (es bestand im Reich eine Deckungsgleichheit von Regierung und Krone), somit war die Zusammenarbeit trotz dargelegter Mängel von Konsolidierung geprägt. Mit Kaiser Wilhelm II. änderte sich die Partnerschaft. Der neue Kaiser sah in Bismarck einen Hemmschuh für seine eigenen politischen Entfaltungsmöglichkeiten. Unterschiedliche Beurteilungen in der Sozialistenfrage und bei Präventivgedanken militärischer Präsenzen führten 1890 zur Entlassung Bismarcks als Reichskanzler. Gedemütigt, bekämpfte Bismarck von seinem Altersruhesitz Friedrichsruh aus die Amtsführung seines Nachfolgers "von Caprivi" mit publizistischen Mitteln. Vor seinem Tod (1898) kam es 1894 zur Beilegung des Konflikts mit Kaiser Wilhelm II.

Pfarrgemeinde St. Josef und Fronleichnam - Leipziger Str. 19 - 52068 Aachen